Jugendliche Poesie und später Ernst

Robert Schumanns Konzert für Klavier und Orchester a-moll op. 54 gehört sicher zu den beliebtesten und bekanntesten Werken der Gattung Klavierkonzert. Ursprünglich 1841 als einsätzige "Fantasie" komponiert, fertigte Schumann vier Jahre später das "Intermezzo" und den Finalsatz hinzu und rundete das Stück so zu jenem dreisätzigen Konzert ab, das sich heute im Repertoire jedes bedeutenden Solisten befindet.

Eine Neuaufnahme der Komposition mit dem Pianisten Christian Zacharias und dem Orchestre de Chambre de Lausanne ist nun bei der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm erschienen. Schon der Beginn der Einspielung elektrisiert: der mottoartige Start des Pianisten ist kraftvoll und lässt sofort aufhorchen; das anschließend von der Oboe vorgetragene Thema wird trotz seines lyrischen Charakters nicht - wie dies in vielen anderen Aufnahmen der Fall ist - verschleppt, sondern bleibt dem frischen Tempo auch weiterhin treu.

Zacharias, der hier auch als Orchesterleiter fungiert, nimmt es denn auch mit der Tempogestaltung sehr genau und realisiert Schumanns Angaben recht präzise, was der Musik auf jeden Fall zugute kommt. Dabei ist sein Klavierspiel immer klar, schnörkellos und präzise, aber auch lyrisch und kantabel, wenn die Musik - etwa in der Durchführung des Kopfsatzes - dies verlangt. Auch das Orchester überzeugt: es spielt sehr zurückhaltend und mit viel Sinn für eine abwechslungsreiche Farbgebung. Selbst an den exponiertesten Stellen drängen sich die Musiker niemals in den Vordergrund, so dass man sich manchmal sogar ein wenig mehr Präsenz der Begleitung wünschen könnte.

Ein Höhepunkt des Konzertes ist sicher die behutsame, fast zerbrechlich anmutende Interpretation des Mittelsatzes, dessen poetische Qualitäten sich in der Verflechtung von Klavier und Orchester trotz des zügigen Tempos aufs Schönste entfalten. Das Finale dagegen lässt an einigen Stellen ein wenig Flexibilität in der Gestaltung vermissen: Schumanns Überlagerung verschiedener Taktarten ist im Zusammenspiel etwas zu steif geraten, was - bei diesen ohnehin heiklen Passagen - möglicherweise an der Personalunion von Solist und Dirigent liegen mag.

Einer der größten Pluspunkt der Produktion ist, dass sie Schumanns bekanntem Klavierkonzert seine übrigen Werke für Klavier und Orchester - Introduktion und Allegro appassionato G-Dur op. 92 (1849) und Introduktion und Allegro d-moll op. 134 (1853) - gegenüberstellt. Die beiden kaum gespielten und schwer vernachlässigten Stücke überraschen den Zuhörer durch ihre enorme Ausdrucksintensität: der jugendlich-spielerische Übermut des frühen Konzerts ist hier einem reifen Ernst gewichen, der sich in einer noch engeren Verflechtung von Solopart und Orchester, aber auch in einer breiter angelegten Farbgebung innerhalb des Orchesters zeigt.

Der rezitativische Beginn von op. 134 mit seinem wunderschönen kantablen Thema in geheimnisvoller Atmosphäre, aber auch die schwebend anmutende Einleitung von op. 92, in der ein sanftes Solo-Horn zu einer Klangfläche des Klaviers singt, die allmählich immer lauter wird und in ein Orchestertutti hineinwächst, gehören zu den eindrucksvollsten Momenten der gesamten CD. Zacharias weiß hier eine immense Spannung aufzubauen, die er in manchmal grimmige und grüblerische, dann wieder in sanfte oder gar triumphierende Gesten münden lässt.

In ihrer Gesamtheit widerlegt diese packende und aufwühlende Interpretation nicht nur das hartnäckige Vorurteil, Schumanns späte Werke ermangelten der musikalischen Substanz; hier wird auch als äußerst gelungenes diskografisches Highlight eine neue Referenzeinspielung vorgelegt, die einen spannenden Einblick in Schumanns komplettes Schaffen für Klavier und Orchester ermöglicht.

Robert Schumann: Werke für Klavier und Orchester: Klavierkonzert a-moll op. 54; Introduktion und Allegro d-moll op. 134; Introduktion und Allegro appassionato G-Dur op. 92. Orchestre de Chambre de Lausanne. Christian Zacharias (Klavier und Leitung).- CD MDG 340 1033-2

 

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© 2001 by Stefan Drees