In die Klänge hinein gehorcht
Es dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass der Autor dieser Worte, der italienische Komponist Giacinto Scelsi (1905-1988), nicht nur einer der interessantesten, sondern auch einer der wichtigsten Komponisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war. Der Einfluss seines Schaffens auf die zeitgenössische Musik ist wohl - wenn auch in vielen Fällen eher unterschwellig - ebenso ungebrochen, wie seine eigentümlichen Werke sich den herkömmlichen Methoden musikalischer Analyse verweigern. Auch die Person des Komponisten, der keine Abbildungen von sich duldete und sich beharrlich über seine Musik ausschwieg, ist weiterhin von einer Aura des Rätselhaften umgeben. Ganz gleich, ob man den Mystifikationen folgen möchte, in die Scelsi seine Musik kleidete, oder sie ablehnt: die Klänge vermögen denjenigen zu packen, der sich die Mühe macht, ihre vielfältigen Klangbrechungen zu erfahren. Eine neue CD des Labels KAIROS, entstanden in Koproduktion mit dem Westdeutschen Rundfunk, vereinigt eine Reihe von Kompositionen für unterschiedliche Streicherbesetzungen. Eingespielt von Musikern des Klangforums Wien beinhaltet sie mit Natura renovatur, Anagamin und Elohim auch drei bisher schwer zugängliche Stücke aus den 1960er Jahren, die den Außenseiter der neuen Musik bei seinem faszinierenden Versuch zeigen, die "reale sphärische Dimension des Klangs" mit den Mitteln reiner Streicherensembles umzusetzen. Dabei stimmen Verpackung und Booklet, auf dessen Frontseite nun doch eine jener seltenen - und heimlich gemachten - Fotografien von Scelsi zu sehen ist, bereits in die Musik ein. Die Textauswahl trägt dem Rätsel, das Scelsi um seine Musik und seine Person gemacht hat, Rechnung: Einem kurzen einleitenden Text von Berno Odo Polzer, der in knappen Stichpunkten Scelsis Leben und Werk charakterisiert, sind Zitate des Komponisten selbst gegenüber gestellt, die in ihrer aphorismenhaften Kargheit oder gleichnishaften Sprache genauso rätselhaft wie die Klangwelten seiner Musik anmuten.
Packender kann man sich den Beginn einer CD kaum vorstellen: die eindrucksvolle innere Belebtheit der allmählich sich entfaltenden Klangräume zu Beginn des 4. Streichquartetts (1964), deren spannungsreiches Fluktuieren ebenso wie die wellenförmig an- und abschwellenden Lautstärke-Verteilungen durch das Quartett des Klangforums eine mustergültige, atemlos intensive Umsetzung erfährt. Der Funke springt hier auf den Zuhörer über; und die in höchster Konzentration dargebotene, permanent changierende Atmosphäre des Stückes ist nur der Anfang dessen, was da noch folgt: Da ist etwa die Entgegensetzung klanglicher Zustände wie Tonzusammenballungen, räumliche Bewegungen oder Klangauffaltungen in dem kurzen, aber faszinierenden Elohim für Streichquartett, zwei Soloviolinen und je zwei elektrisch verstärkte Violinen und Violoncelli (1965/67); da ist aber auch die Welt feinster Schwebungen und Annäherungen, die im zweisätzigen Duo für Violine und Violoncello (1965) von Annette Bik und Andreas Lindenbaum als berückendes Wechselspiel von Farbwertigkeiten umgesetzt wird; und da ist die vorsichtig tastende Darbietung, die Uli Fussenegger dem Kontrabassstück Maknongan (1976) angedeihen lässt. "Wenn man einen Ton sehr lange spielt, wird er groß. Er wird so groß, daß man viel mehr Harmonien hört, und er wird innerlich größer. Der Ton hüllt einen ein." Als außerordentlicher Glücksgriff erweist sich die Wahl des Dirigenten Hans Zender für die größer besetzen Streicherstücke, zu denen neben dem erwähnten Elohim auch Anagamin für zwölf Streicher (1965) und Natura renovatur für elf Streicher (1967) gehören. Zender befindet sich hier in seinem ureigensten Element: die souveräne Gestaltung minimaler Klangschattierungen, die bei aller Zartheit der Linienführung unerhört plastisch wirkt - was auch ein Verdienst der exzellenten Tontechnik ist -, sucht ihresgleichen. Seine engagierte Darstellung der komplexen Partituren unterstützt Scelsis Art, in die Klänge hineinzuhorchen und sie und ihre Elemente wie unter einem Vergrößerungsglas zu betrachten; das Resultat ist ein äußerst spannendes Hörerlebnis. So bleibt am Ende nur noch ein großes Lob an Ausführende und Produzenten: Konzeptionell und in Anbetracht ihrer klanglichen Geschlossenheit ist die vorliegende Produktion ein adäquates Gegenstück zu jener ersten Scelsi-CD, mit der KAIROS vor rund zwei Jahren den Start auf den Tonträgermarkt gewagt hat. Giacinto Scelsi: 4. Streichquartett (1964); Elohim (1965/67); Duo für Violine und Violoncello (1965); Anagamin (1965); Maknongan (1976); Natura Renovatur (1967). Klangforum Wien. Leitung: Hans Zender.- CD 0012162KAI
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