In der eigenen Klangwelt gefangen
Der ersten Verwirrung folgt Erstaunen über diese unangepasste und irgendwie radikale Haltung: keine Erläuterungen zur Musik, kein Booklet, und vor allem: Mut zur Leere, wo andere Labels ihre CDs bis an die Grenze der Kapazität mit Musik vollpressen. Das weckte mein Interesse, und daher habe ich - in Ermangelung einer Webadresse - eine Mail an Los Angeles River Records geschickt. Die vorrangige Aufgabe des jungen Unternehmens, so die prompte Antwort, sehe man darin, mit jeder Produktion ein einzelnes Musikstücke zu präsentieren, ohne es mit anderen zusammenzubringen. Nur so könne die Einzigartigkeit bestimmter Werke gewahrt bleiben. Und ebenso einzigartig müsse in diesem Zusammenhang das jeweilige Design der Verpackung sein, komplementär zur Musik, um dem Objekt CD dadurch eine gewisse Würde zu verleihen. Doch was ist nun mit Daniel Rothmans Komposition und ihrem seltsamen Titel? Der Hörer, so scheint es, ist hier ganz auf sein Assoziationsvermögen und mithin auch auf sein Wissen angewiesen, um diesen Titel aufzulösen und ihn auf die Musik zu beziehen. Es ist die der jeweiligen Spezies vertraute Erfahrungs- und Seinswelt, die das Empfindungs- und Wahrnehmungsvermögen jedes Individuums bestimmt: Wenn Menschen von Schafen träumen - so fragt der Titel von Philip K. Dicks Science Fiction-Erzählung Do Androids Dream Electric Sheep? -, träumt der Androide dann als quasi "elektrifizierter Mensch" auch von elektrischen Schafen oder bewegt er sich im Traum möglicherweise aus diesem Seinshorizont heraus? Rothman beantwortet diese Frage im Titel seines Stückes: Yes, Philip, Androids Dream Electric Sheep. Die Konsequenz dieser rigorosen Feststellung wird zum eigentlichen Gegenstand der Musik: Es ist die Stimme einer Klarinette, gespielt von David Smeyers, die sich immer in ihrer eigenen Klangwelt bewegt und - trotz mannigfaltiger elektronischer Umformungsprozesse - bis zum Ende nicht vermag, aus dieser heraus zu gelangen. Rothmans Komposition, 1998 von Marita Emigholz für das Festival Pro Musica Nova in Auftrag gegeben und auch von ihr bei Radio Bremen für die vorliegende CD produziert, fesselt durch seine musikalische Konsequenz: Es handelt sich um ein Geflecht aus Rückkopplungen und ineinandergeschobenen Mehrklängen, um eine primär ruhige Musik, in der ein Ereignisse in das nächste gleitet und sich authentische Klarinettentöne mit elektronisch modifizierten Klängen vermischen, wobei sich eine schwankende Mehr- und Vielstimmigkeit herausbildet. Das Spiel der Klarinette mit den von ihr abgelösten elektronischen Klangschatten, die dennoch ein Zeichen ihrer selbst sind, bietet dem Hörer eine packende, spannungsgeladene und meist sehr leise Folge von Klangereignissen. Smeyers elektronisch modifiziertes Instrument wird hierbei zu einem Tastorgan, das den Tonraum auf seine Konsistenz hin absucht und bei dieser Gelegenheit ein eigenes harmonisches Umfeld erzeugt: eine sehr wandlungsfähige Harmonik, die zwischen der Großräumigkeit weit entfernter Tonhöhen und dem extrem kleinintervalligem Aufbau des Mikrotonbereichs hin und her pendelt und von den hierdurch entstehenden Schwebungsverhältnissen lebt. Es entsteht ein lebendiges Klangkontinuum, aus dem sich der Instrumentalist nicht befreien kann; denn obgleich verschiedene Stadien der Entwicklung erkennbar sind, die von lang gehaltenen Einzeltönen bis zu gelegentlichen Tonketten reichen, bleibt er immer in einer Klangwelt gefangen, deren Charakter er selbst bestimmt - womit die Implikation der Titelgebung schließlich ihre Bestätigung findet. Eine erstaunliche CD von einem erstaunlichen Label - so mein knappes Resümee dieser außergewöhnlichen Produktion. Das Konzept der Macher geht auf und überzeugt nicht nur im Design, sondern auch in der Klangqualität; der Hörer wird gefordert und muss sich mit dem Gehörten auseinandersetzen, um ihm auf den Grund gehen zu können. Nur so kann er die Musik auch für sich erschließen. Und gerade die relative Kargheit und das bewusste Informationsdefizit der CD-Präsentation schärfen seine Aufmerksamkeit und machen die Wahrnehmung der Musik umso spannender. Daniel Rothman: "Yes, Philip, Androids Dream Electric Sheep". David Smeyers, Klarinette.- CD Los Angeles River Records LaL2-11 |