Diskografische Pionierleistung

"Die Hühner jagen über den Hof, ich klopfe an der Tür. Vor mir steht barfuß ein alter chinesischer Weiser. Es ist Matthias Hauer. Er trägt einen weißen Knebelbart."

So beschreibt der Musikhistoriker Hans Heinz Stuckenschmidt sein erstes Zusammentreffen mit dem sagenumwobenen Wiener Komponisten Josef Matthias Hauer. Kaum ein Komponist dürfte zu Lebzeiten so verkannt worden sein wie dieser wunderliche Zeitgenosse Arnold Schönbergs, der am 19. März 1883 in Wien geboren und dort am 22. September 1959 gestorben ist. Er hat eine ganz eigene Methode des Komponierens mit den zwölf Tönen der chromatischen Tonleiter entwickelt und sich bis zu seinem Lebensende als eigentlichen "geistigen Urheber und immer noch einzigen Kenner der Zwölftonmusik" gesehen. Heute mag zwar dem einen oder anderen Hauers Name durchaus geläufig sein; seine Musik aber und sein musikalisches Denken sind weitestgehend unbekannt geblieben. Dem wirkt jetzt eine Einspielung von insgesamt 15 "Zwölftonspielen" - so bezeichnete der Komponist seit 1939 all seine Stücke und versah sie zusätzlich mit dem Datum ihrer Entstehung - durch das Ensemble Avantgarde entgegen, die bei Dabringhaus und Grimm erschienen ist.

Hauers Musik steht quer zum Musikleben. Sie erklingt äußerst selten und wird auch heute noch meist eher als Kuriosum betrachtet. Wie interpretiert man also Stücke, für die es weder Interpretationstraditionen noch Interpretationserfahrungen gibt? "... nicht zu schnell, nicht zu langsam, nicht zu laut, nicht zu leise; wohltemperiert, wohlintoniert" - so eine nicht sonderlich aufschlussreiche Antwort aus Hauers Feder, in ihrer Knappheit so befremdend wie jene Miniaturen, die hier in verschiedenen Besetzungen zum Klingen gebracht werden. Steffen Schleiermacher, künstlerischer Leiter und Pianist des Ensemble Avantgarde, verschweigt denn im Booklet zur CD auch nicht, mit welchen Problemen die Musiker bei der Einstudierung zu kämpfen hatten, wie erheblich die Meinungen und Auffassungen zum Spielen dieser Musik auseinander lagen - mithin also, "wieviel Zündstoff in diesen auf den ersten Blick so harmlosen Stücken liegt".

Rigoros in ihrer kompositorischen Konsequenz, die in einigen Fällen durchaus einiges von dem vorweg zu nehmen scheint, was aus der Musik nach 1950 bekannt ist, lässt sich das Klangbild von Hauers "Zwölftonspielen" allenfalls durch Vokabeln beschreiben, mit denen wir in unserem Erfahrungsschatz irgendwelche emotionalen Inhalte assoziieren. So mutet sie stellenweise durchaus verträumt an (etwa im "Zwölftonspiel 26. August 1948" für Violine und Cembalo oder im "Zwöltonspiel 24. Dezember 1946" für Klavier), enthält auch schwärmerische ("Zwölftonspiel 2. September 1956" für Violine und Klavier) oder melancholische ("Zwölftonspiel 1947" für Klarinette) Momente, gibt sich grotesk ("Zwölftonspiel 11. Juni 1955" für Cembalo) oder verspielt ("Zwölftonspiel Oktober 1957" für Violine, Violoncello, Akkordeon und Klavier vierhändig) und erinnert in zweien der Stücke gar ein wenig an die repetitiven Texturen der amerikanischen Minimal Music ("Zwölftonspiel Januar 1957" für Streichquartett und "Zwölftonspiel Jänner 1958" für Flöte, Bassklarinette und Streichquartett).

Der aufmerksame Zuhörer wird den Ensemblemitgliedern ihre Mühe bei der Auseinandersetzung mit Hauers Zwölftonstücken auf jeden Fall danken. Ein ganz eigenartiger Kosmos tut sich hier auf, den es erst noch zu entdecken und zu erfahren gilt. Die Einspielung ist daher eine kaum zu unterschätzende Pionierleistung: eine wichtige Veröffentlichung, die nicht nur durch überzeugende Interpretationen, sondern auch auf Grund ihres Muts zum Anderen, Ungewöhnlichen für sich einnimmt und ein spannendes Hörerlebnis garantiert. Ein kleiner Wermutstropfen bei der ansonsten auch klanglich brillanten Produktion ist die Kürze der CD, die mit kaum 50 Minuten doch etwas länger hätte ausfallen können.

Josef Matthias Hauer: Zwölftonspiele. Ensemble Avantgarde.- CD MDG 613 1060-2

 

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© 2001 by Stefan Drees