Bestechende Perfektion
Dabei trifft dieses Diktum eigentlich genau jene Elemente, die den Wert der Komposition ausmachen: Schumann hat sein 1845/46 komponiertes Werk in die Tradition der Gattung Sinfonie eingebunden - ein Umstand, der sich nicht nur an ihrem Aufbau, sondern auch an zahlreichen Anspielungen innerhalb des Notentextes ablesen lässt. Dass der Komponist bei alldem auch einen sehr eigenständigen und höchst originellen Beitrag zur Entwicklung der Sinfonie im 19. Jahrhundert geleistet - einen Beitrag, der sich durch einen zielgerichteten narrativen Gesamtplan auszeichnet -, wollte man lange Zeit nicht wahr haben. Bei allem Widerspruch gegen diese Urteile bleibt aber Erfahrung, dass dieses Opus nicht einfach zu realisieren ist - erfordert es doch auf Grund seiner technischen Schwierigkeiten nicht nur sehr gute Orchestermusiker, sondern vor allem auch einen Dirigenten, der die Einzelsätze und ihre formale Bestandteile in einen zielgerichteten Rahmen zu verpacken weiß. Eine Produktion aus der Reihe "faszination musik" beweist, dass Roger Norrington diese heikle Aufgabe mit Bravour erledigt. Mehr noch: Er liefert mit seiner Einspielung eine staunenswerte Referenzaufnahme, die in ihrer musikalischen Prägnanz und Überzeugungskraft ihresgleichen sucht. Norringtons Gespür für die Realisierung dieser Musik, geschult an der langjährigen Erfahrung im Umgang mit historischen Musikinstrumenten und historischer Aufführungspraxis, straft all jene Auffassungen Lügen, die dem Komponisten eine klanglich unbefriedigende Arbeit mit den Möglichkeiten des Orchesters vorwerfen: Die Aufnahme besticht gerade durch ihre klare Darstellung der komplexen kontrapunktischen Strukturen, durch das immer durchsichtig gehaltene Klangbild des Orchesters, in dem noch die kleinsten Details präzise ausgehört sind, sowie durch die phänomenalen Klangfarbenwirkungen, die Norrington aus den Vorgaben von Schumanns Partitur extrahiert. Dazu kommt die beinahe unheimliche Präzision des SWR Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart, die umso erstaunlicher ist, als es sich hier nicht um eine Studioproduktion, sondern um den Mitschnitt eines Konzerts aus dem Jahr 1999 handelt. Selbst den diffizilsten Passagen gewinnen die Interpreten eine wunderbare Leichtigkeit ab, so auch im halsbrecherisch virtuosen Scherzo, das man bisher selten so souverän musiziert hören konnte. Norringtons dramaturgische Gestaltung der Sinfonie ist eine überwältigende Leistung, die neben dem unruhig brodelnden Kopfsatz und dem lyrische Adagio mit seinen hymnischen Klangausbrüchen viele weitere Höhepunkte hat. Ihren Gipfel findet sie allerdings im eindringlich geformten Finale, das im Eintritt des berühmten Beethoven-Zitats ("Nimm sie hin denn, diese Lieder, die ich dir, Geliebte, sang" aus dem Liederzyklus An die ferne Geliebte) seinen Dreh- und Angelpunkt findet: die Zurücknahme des triumphalen Gestus zugunsten einer wundersamen lyrischen Stimmung gehört mit zum Schönsten, was diese Aufnahme bietet. Daneben überzeugt auch die Einspielung von Joseph Haydns Sinfonie D-Dur Hob. I:104 ("London"), die sich ebenfalls auf der vorliegenden CD befindet: die exzellente Darstellung dieses Haydnschen Spätwerks bietet ein angemessenes Pendant zu Schumanns Komposition, wie man es sich besser kaum wünschen könnte. Eine rundherum empfehlenswerte Aufnahme also, die von der ersten bis zur letzten Minute eine Fülle spannender Hörerlebnisse garantiert. Einzig ein winziges Detail trübt den positiven Eindruck der gesamten Produktion: es ist das unsinnige "Bravo"-Gebrüll eines Zuhörers, der unbedingt in den verklingenden Schlussakkord der Schumann-Sinfonie hineinplatzen musste. Authentische Konzertatmosphäre? Meinetwegen. Aber hätte man nicht doch vielleicht um des musikalischen Eindrucks willen diese mehr als störende Aktion herausfiltern können? Joseph Haydn: Sinfonie D-Dur Hob. I:104 ("London"); Robert Schumann: Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 61. SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart. Leitung: Roger Norrington.- hänssler CLASSIC CD 93.011 (Reihe "faszination musik")
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