Lyrische Klangbilder im Volkston

"Sie klingen eigentümlich und sind sehr leicht zu singen" - so äußerte sich Robert Schumann gegenüber seinem Verleger zu seinen Balladen und Romanzen für Chor. Doch der volkstümliche Duktus und die scheinbar einfache und eingängige Art haben trügerische Untiefen und täuschen leicht darüber hinweg, dass es sich bei diesen Stücken um eine sehr anspruchsvolle Musik handelt, deren subtil ausgearbeitete Details einer überzeugenden vokalen Gestaltung bedürfen. Die Aufgabe für die Interpreten verschiebt sich denn auch von der vordergründigen Bewältigung technischer Hürden auf die Schwierigkeit, eine klanglich befriedigende Umsetzung erzielen zu müssen - eine Aufgabe, die in der Einspielung durch das SWR Vokalensemble Stuttgart unter Leitung von Rupert Huber vollauf erfüllt wird.

"faszination musik" - so heißt eine neue CD-Reihe, mit der sich der Südwestrundfunk (SWR) in Zusammenarbeit mit hänssler CLASSIC an die Vermarktung seiner Produktionen herantastet. Und wie die vorliegende CD beweist, können die Verantwortlichen dabei durchaus auf die hohe Qualität ihrer hauseigenen Interpreten zählen: Die vier Teile der "Romanzen und Balladen" für gemischten Chor opp. 67, 75, 145 und 146 sowie die zwei Gruppen der "Romanzen" für Frauenstimmen opp. 69 und 91 - allesamt in den Jahren zwischen 1849 und 1851 komponiert - werden unter Hubers Leitung zu einer spannenden Abfolge lyrischer Klangbilder. Die Interpretation reagiert sehr feinfühlig auf die jeweiligen Texte, so dass die Zyklen trotz ihres ähnlichen Aufbaus jeweils ganz charakteristische Färbungen bekommen. Die technische Souveränität sowie die klare Deklamation der Sänger ermöglicht dabei ein sehr breites dynamisches Spektrum des vokalen Vortrags, das der inneren Dramatik der Musik sehr gut tut.

So sind etwa Chorsätze wie das "Heidenröslein" (Goethe) op. 67 Nr. 3, in dem die Stimmen ungezwungen dem natürlichen Sprachduktus folgen, aber auch Sätze wie "Der traurige Jäger" (Eichendorff) op. 75 Nr. 2, wo dem Chorklang solistische Echowirkungen entgegengesetzt sind, äußerst gelungene Beispiele für Hubers musikalischen Zugriff. Erwähnenswert auch die frappierenden Klangfarbenmischungen, die sich durch die Mitwirkung zweier Instrumente in "Das Schifflein" (Uhland) op. 146 Nr. 5 ergeben: Hier verschmelzen die Singstimmen zu weichen Linien, aus denen von Zeit zu Zeit Flöte und Horn wie Klangschatten heraustreten. Bei den reizvollen Frauengesängen opp. 69 und 91 verzichtet Huber auf die vom Komponisten freigestellte "ad libitum"-Mitwirkung eines begleitenden und stützenden Klaviers, wodurch die feine Differenzierung der weiblichen Stimmen zum Vorteil der Stücke sehr stark in den Vordergrund tritt. Gerade hier wird deutlich, mit welch elementaren Mitteln Schumann maximale Wirkungen erzielt, etwa in "Meerfey" op. 69 Nr. 5, wo die sich windenden Gesangslinien - mit sehr zurückhaltender Tongebung gesungen - eine geheimnisvoll-dramatische Szene vor den Augen des Hörers entstehen lassen.

Leider bewegt sich das Design des CD-Booklets nicht auf derselben Höhe wie die musikalische Gestaltung. Da man den kurzen Beitrag über Schumanns Gesänge gleich in vier Sprachen abgedruckt hat, muss der Hörer auf die Wiedergabe der Liedtexte verzichten. Auch sind die Angaben zu den Interpreten unvollständig: darüber, dass in op. 146 Nr. 5 zwei Instrumentalisten beteiligt sind, erfährt man hier nichts - die Namen der Ausführenden werden verschwiegen. Von diesem Manko einmal abgesehen, ist die CD-Produktion rundherum empfehlenswert.

Robert Schumann: "Romanzen und Balladen" für gemischten Chor opp. 67, 75, 145 und 146; "Romanzen" für Frauenstimmen opp. 69 und 91. SWR Vokalensemble Stuttgart, Rupert Huber.- hänssler CLASSIC CD 93.002 (Reihe "faszination musik")

 

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© 2000 by Stefan Drees