Das "Wunder des 17. Jahrhunderts"

"... sie singt die schwierigsten Stücke vom Blatt. Sie begleitet sich ... und andere ... auf dem Cembalo, welches sie auf unnachahmliche Weise spielt. Sie komponiert Stücke und spielt sie in allen Tonarten, die man ihr vorschlägt ..."

Diese Worte, die 1677 in der Pariser Monatszeitschrift Mercure Galant zu lesen waren, galten einer Zwölfjährigen, die durch ihr öffentliches Auftraten als Cembalistin großes Aufsehen erregte: Elisabeth-Claude Jacquet de La Guerre. Geboren 1665 als Tochter eines Cembalobauers nimmt Elisabeth Jacquet in der Musikgeschichte des 17. Jahrhunderts eine Sonderstellung ein. Die Möglichkeit, den Beruf einer Komponistin und Musikerin zu ergreifen und damit auch ihren Lebensunterhalt zu verdienen, verdankt sie der Tatsache, dass ihre außerordentliche musikalische Begabung nicht nur von ihren Eltern, sondern vor allem auch von König Ludwig XIV. gefördert wurde. Obwohl dem "Jahrhundertwunder" - wie die Komponistin häufig von ihren Zeitgenossen bezeichnet wurde - als Frau ein offizielles Amt am Hofe verwehrt wurde, erlangte sie zu Lebzeiten große Anerkennung für ihr Schaffen. So gewährte ihr etwa der König nach der Aufführung ihrer sechs Sonates pour le viollon et pour le clavecin ein Druckprivileg, von dem die Komponistin mehrfach Gebrauch machte.

Es ist dem Barockensemble La Beata Olanda zu verdanken, dass diese sechsteilige Sonaten-Sammlung aus dem Jahr 1707 dem Vergessen entrissen und beim Label Salto Records, einer Abteilung des auf Komponistinnen spezialisierten Furore-Verlags, erstmals auf CD zum Klingen gebracht wurde. Von der ersten bis zur letzten Note der Aufnahme spürt man die Begeisterung, mit der die drei Interpretinnen Claudia Hoffmann (Violine), Franziska Finckh (Viola da Gamba) und Elisabeth Geiger (Cembalo) den originellen Zyklus wiedergeben. Die einzelnen Sonaten - weniger als einheitliche Werke denn als Abfolge verschiedener, meist recht kurzer Sätze konzipiert, in denen der strenge und gelehrte Stil der Kirchensonate mit dem gefälligen Tonfall der höfischen Kammersonate vermischt wird - illustrieren Elisabeth Jacquets Erfindungsreichtum ebenso wie ihre eindrucksvollen kompositorischen Fähigkeiten. Jede einzelne Komposition der Sammlung quillt von musikalischen Einfällen förmlich über und hat ihren ganz indiviuellen Charakter.

Das Klangbild der Produktion besticht durch seine Ausgewogenheit und überzeugt in allen Aspekten: die Violine bleibt meist im Vordergrund, während Cembalo und Viola da Gamba das Fundament gestalten, auf dem sich die ariosen oder virtuosen Violinpassagen entfalten können. Obgleich prinzipiell lediglich als Verstärkung der Basslinie des Cembalos gedacht, wächst die Gambe an manchen Stellen über diese Funktion hinaus und wird zum gleichberechtigten Duopartner der Violine oder gar - wie im Adagio der ersten Sonate - zum alleinigen Soloinstrument. Diese Augenblicke, in denen sich die sehr zurückhaltend spielende Franziska Finckh aus dem begleitenden Hintergrund herauslöst und zur Solistin aufschwingt, gehören zu den schönsten der Aufnahme. Doch auch sonst überzeugen die drei Interpretinnen durch ihr souveränes Zusammenspiel, ihren manchmal schmeichelnden, manchmal strengen doch immer sehr durchsichtigen, dynamisch variantenreichen und vor allem lebendigen und geschmackvollen Vortrag.

Das Fazit zu dieser Aufnahme ist knapp, aber sehr bestimmt: Hierbei handelt es sich nicht nur um eine absolute Kaufempfehlung für alle Freunde barocker Kammermusik, sondern auch um eine äußerst wichtige und qualitativ den höchsten Ansprüchen genügende diskographische Großtat.

Elisabeth-Claude Jacquet de La Guerre (1665-1729): Sonates pour le viollon et pour le clavecin (1707). La Beata Olanda: Claudia Hoffmann (Violine), Franziska Finckh (Viola da Gamba) und Elisabeth Geiger (Cembalo).- CD Salto Records SAL 7011.

 

Links zum Thema:

Zurück zum Index

© 2000 und 2002 by Stefan Drees