Auf der Spur vergessener KomponistenSchaut man sich das Repertoire bekannter Konzertpianisten an, stößt man leider allzu häufig auf dasselbe Bild: auf Highlights der Klavierliteratur, deren Bekannt- oder Beliebtheitsgrad einen großen Teil des Erfolgs auf dem Podium garantieren. Umso nennenswerter sind Ausnahmeerscheinungen wie der russische Pianist Jascha Nemtsov, der sich seit einigen Jahren aktiv - als Forscher und als Pianist - für die Wiederentdeckung russischer Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzt, so etwa auch in der einer dreiteiligen CD-Edition, die in der EDITION ABSEITS Berlin erschienen ist. Across Boundaries. Discovering Russia 1910-1940 : so lautet der Titel dieser Reihe, die sich mit Musik beschäftigt, die vorwiegend zwischen 1910 und 1940 in Russland entstanden oder von russischen Komponisten im politischen Exil geschrieben wurde. Die einzelnen CDs sind thematisch unterschiedlich orientiert, beherbergen bis auf eine Ausnahme ausnahmslos Ersteinspielungen unbekannter Werke und - das sei hier vorweg genommen - dokumentieren auf eindrucksvolle Weise eine musikhistorische Lücke, die es auf jeden Fall zu schließen gilt.
Auch wenn nicht alle Kompositionen den klanglichen und strukturellen Reichtum der Visions fugitives erreichen, macht die Auswahl dieser teilweise äußerst disparaten Stücke Sinn, zeigt sie doch, welche enorme Vielfalt das russische Musikleben in den Jahren unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg beherbergte. Nemtsovs Interpretation dieses abwechslungsreichen Panoramas ist beeindruckend: Unter seinen Händen entfalten sich Prokofjews konzise musikalische Szenen zu individuellen Charakteren, die von klangvollem Spiel oder vom zart-behutsamen, kaum die Tasten berührenden Vortrag, aber auch von ironischem Schmunzeln und übermütigem Gedankenfluss in prägnanter Tongebung geprägt sind. Ähnlich zauberhaft geraten dem Pianisten Louriés Zyklus Klavier im Kinderzimmer oder die kontrastreich angelegte Vision von Saminsky mit ihren unerwarteten Übergängen, hinter denen sich gleichsam neue musikalische Perspektiven zu öffnen scheinen.
Nicht nur hier, sondern auch in den charmanten Miniaturen aus der Kindersuite (1923) und in der virtuosen Komposition Sinfonische Variationen und Sonate über das jüdische Thema "El jiwneh Hagalil" (1915) von Joseph Achron, deren konzertanter Stil höchste Ansprüche an den Interpreten stellt, agiert Nemtsov mit schlafwandlerischer Sicherheit und enormem Gestaltungsvermögen. Dabei springt seine Freude an der virtuosen Ornamentik wie ein Funke auf den Zuhörer über, und auch die durchsichtige Leichtigkeit, mit der er die subtileren Klanggewebe gestaltet, sowie sein kraftvoller und mitreißender Zugriff auf die markanten Passagen der hier eingespielten Kompositionen überzeugen in ihrer Ausführung.
Zwei Kompositionen ziehen die Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich: Zum einen ist es das im amerikanischen Exil komponierte viersätzige Concerto for Piano Alone (1941) von Joseph Achron, dessen polyphone Gestaltung an barocke Formen anknüpft; zum anderen ist es die melancholische Klangwelt der Three Shadows (1935) von Lazare Saminsky, die ebenfalls in Amerika entstanden sind. Mit allen Registern seiner Gestaltungskunst zeichnet Nemtsov hier das eindringlich komponierte Bild der Trauer nach, in dem sich nur gelegentlich kurze lichte Augenblicke finden lassen. Insgesamt ist die CD-Reihe Across Boundaries eine mehr als lohnenswerte Anschaffung: Nicht nur, dass man hier eine Fülle zu Unrecht vergessener Musik für sich entdecken kann; darüber hinaus bieten die umfangreichen Erläuterungen in den CD-Booklets - übrigens aus der Feder des Pianisten - auch fundierte Informationen zu den historischen Zusammenhängen, zum zeitgeschichtlichen Hintergrund sowie zu den Eigenarten und Kennzeichen der Musik selbst. Auf diese Weise entsteht ein in sich abgerundetes Bild, das eine spannende Epoche der russischen Musikgeschichte wieder auferstehen lässt und in Wort und Klang in Jascha Nemtsov einen äußerst souveränen Interpreten und Vermittler hat. Across Boundaries.
Discovering Russia 1910-1940.
Jascha Nemtsov (Klavier): Links zum Thema:
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