Auf der Spur vergessener Komponisten

Schaut man sich das Repertoire bekannter Konzertpianisten an, stößt man leider allzu häufig auf dasselbe Bild: auf Highlights der Klavierliteratur, deren Bekannt- oder Beliebtheitsgrad einen großen Teil des Erfolgs auf dem Podium garantieren. Umso nennenswerter sind Ausnahmeerscheinungen wie der russische Pianist Jascha Nemtsov, der sich seit einigen Jahren aktiv - als Forscher und als Pianist - für die Wiederentdeckung russischer Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzt, so etwa auch in der einer dreiteiligen CD-Edition, die in der EDITION ABSEITS Berlin erschienen ist. Across Boundaries. Discovering Russia 1910-1940 : so lautet der Titel dieser Reihe, die sich mit Musik beschäftigt, die vorwiegend zwischen 1910 und 1940 in Russland entstanden oder von russischen Komponisten im politischen Exil geschrieben wurde. Die einzelnen CDs sind thematisch unterschiedlich orientiert, beherbergen bis auf eine Ausnahme ausnahmslos Ersteinspielungen unbekannter Werke und - das sei hier vorweg genommen - dokumentieren auf eindrucksvolle Weise eine musikhistorische Lücke, die es auf jeden Fall zu schließen gilt.

Der Titel der ersten CD - Visions - Visionen - verdankt sich jener Komposition, die hier im Mittelpunkt steht: den Visions fugitives (1915-17) von Sergej Prokofjew (1891-1953) und damit dem einzig bekannten Werk dieser Sammlung. Wichtig ist der historische Zusammenhang, den Nemtsov mit seiner Werkauswahl herstellt: die charmanten Stücke Prokofjews - allesamt kleine Spiegelbilder, in denen kaleidoskopartig die verschiedensten Stimmungen blitzartig eingefangen werden - konfrontiert er mit Einzelstücken und Zyklen von Komponisten, die nahezu zeitgleich Ähnliches oder Vergleichbares geschaffen haben. So erweisen sich die in ihrer Klangsprache herben Statuettes (1930) von Joseph Achron (1886-1943) und die in scheinbar kindlichem Tonfall komponierte Sammlung Klavier im Kinderzimmer von Arthur Lourié (1892-1966) als eindrucksvolle Beispiele von Klavierminiaturen, die der Sammlung von Prokofjew durchaus ebenbürtig gegenübertreten können. Einzelstücke wie die Berceuse (1932) von Samuil Feinberg (1890-1962), der Dance (1927) von Alexander Weprik (1899-1958) und die Vision (1919) von Lazare Saminsky (1882-1959) runden diesen Eindruck ab.

Auch wenn nicht alle Kompositionen den klanglichen und strukturellen Reichtum der Visions fugitives erreichen, macht die Auswahl dieser teilweise äußerst disparaten Stücke Sinn, zeigt sie doch, welche enorme Vielfalt das russische Musikleben in den Jahren unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg beherbergte. Nemtsovs Interpretation dieses abwechslungsreichen Panoramas ist beeindruckend: Unter seinen Händen entfalten sich Prokofjews konzise musikalische Szenen zu individuellen Charakteren, die von klangvollem Spiel oder vom zart-behutsamen, kaum die Tasten berührenden Vortrag, aber auch von ironischem Schmunzeln und übermütigem Gedankenfluss in prägnanter Tongebung geprägt sind. Ähnlich zauberhaft geraten dem Pianisten Louriés Zyklus Klavier im Kinderzimmer oder die kontrastreich angelegte Vision von Saminsky mit ihren unerwarteten Übergängen, hinter denen sich gleichsam neue musikalische Perspektiven zu öffnen scheinen.

Mit dem Titel Die Neue Jüdische Schule thematisiert der zweite Teil der CD-Reihe die Rückbesinnung russischer Komponisten jüdischen Glaubens auf ihre kulturellen Wurzeln, die sich in vielfältigen musikalischen Strategien bemerkbar machten. Während hier in einigen Stücken die folkloristischen Einflüsse hörbar überwiegen, sind sie in anderen lediglich koloristisches Beiwerk. Werke wie Lazare Saminskys Danse rituelle du Sabbath (1919), von Nemtsov in sehr kraftvollem Duktus vorgetragen, aber auch das Hebrew Fairy Tale, dessen quasi impressionistische Atmosphäre von den modalen Skalen der jüdischen Musik durchdrungen ist, und die Drei Volkstänze (1928) von Alexander Weprik verweisen ganz deutlich auf ihre folkloristischen Ursprünge. In anderen Kompositionen sind diese Zusammenhänge wesentlich subtiler, etwa in Wepriks Sonate Nr. 2 (1924), wo die aus der Bibelrezitation abgeleiteten, erregt pulsierenden Tonwiederholungen und ein auf liturgische Melodien zurückgehendes Leitmotiv strukturell in eine Musik höchster Spannung eingebunden werden.

Nicht nur hier, sondern auch in den charmanten Miniaturen aus der Kindersuite (1923) und in der virtuosen Komposition Sinfonische Variationen und Sonate über das jüdische Thema "El jiwneh Hagalil" (1915) von Joseph Achron, deren konzertanter Stil höchste Ansprüche an den Interpreten stellt, agiert Nemtsov mit schlafwandlerischer Sicherheit und enormem Gestaltungsvermögen. Dabei springt seine Freude an der virtuosen Ornamentik wie ein Funke auf den Zuhörer über, und auch die durchsichtige Leichtigkeit, mit der er die subtileren Klanggewebe gestaltet, sowie sein kraftvoller und mitreißender Zugriff auf die markanten Passagen der hier eingespielten Kompositionen überzeugen in ihrer Ausführung.

Der dritte Teil der CD-Edition trägt den Titel Wartesaal und spielt auf die Vertreibung von Menschen ins politische Exil und deren (häufig vergebliches) Warten auf die Möglichkeit einer Rückkehr in die Heimat an, wie es etwa der Fall Joseph Achrons illustriert; in übertragenem Sinne steht der Begriff auch für die lange Zeit, die jene Werke, die aufgrund solcher Ereignisse vergessen wurden, benötigen, um schließlich eine Anerkennung in der Öffentlichkeit zu erlangen. Dass hier Kompositionen versammelt sind, die eine solche Anerkennung wohl verdienen, wird dem Hörer bei der an Höhepunkten reichen CD rasch klar. Herausragend sind etwa die Suite dansée (1928) von Alexander Krein (1883-1951) mit ihren sechs effektvollen Stücken, deren Vorlagen verschiedenen Bereichen der jüdischen Musik entstammen, oder Alexander Wepriks Sonate Nr. 1 (1922), deren überbordende Emotionalität Nemtsov überzeugend vermitteln kann.

Zwei Kompositionen ziehen die Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich: Zum einen ist es das im amerikanischen Exil komponierte viersätzige Concerto for Piano Alone (1941) von Joseph Achron, dessen polyphone Gestaltung an barocke Formen anknüpft; zum anderen ist es die melancholische Klangwelt der Three Shadows (1935) von Lazare Saminsky, die ebenfalls in Amerika entstanden sind. Mit allen Registern seiner Gestaltungskunst zeichnet Nemtsov hier das eindringlich komponierte Bild der Trauer nach, in dem sich nur gelegentlich kurze lichte Augenblicke finden lassen.

Insgesamt ist die CD-Reihe Across Boundaries eine mehr als lohnenswerte Anschaffung: Nicht nur, dass man hier eine Fülle zu Unrecht vergessener Musik für sich entdecken kann; darüber hinaus bieten die umfangreichen Erläuterungen in den CD-Booklets - übrigens aus der Feder des Pianisten - auch fundierte Informationen zu den historischen Zusammenhängen, zum zeitgeschichtlichen Hintergrund sowie zu den Eigenarten und Kennzeichen der Musik selbst. Auf diese Weise entsteht ein in sich abgerundetes Bild, das eine spannende Epoche der russischen Musikgeschichte wieder auferstehen lässt und in Wort und Klang in Jascha Nemtsov einen äußerst souveränen Interpreten und Vermittler hat.

Across Boundaries. Discovering Russia 1910-1940. Jascha Nemtsov (Klavier):
- Vol. 1: Visions: Kompositionen von Arthur Lourié, Samuil Feinberg, Alexander Weprik, Sergej Prokofjew, Lazare Saminsky und Joseph Achron.- CD Edition Abseits EDA 012-2 (erschienen 1997)
- Vol. 2: Die Neue Jüdische Schule: Kompositionen von Lazare Saminsky, Alexander Weprik und Joseph Achron.- CD Edition Abseits EDA 014-2 (erschienen 1999)
- Vol. 3: Wartesaal: Kompositionen von Alexander Weprik, Arthur Lourié, Joseph Achron, Alexander Krein und Lazare Saminsky.- CD Edition Abseits EDA 016-2 (erschienen 2000)


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© 2000 by Stefan Drees