Augenzwinkernde Klangmontagen
Musikalisch folgt diesem einleitenden Statement zunächst ein illustratives Klangbild, das Eichmann augenzwinkernd aus musikalischen Klischees wie pentatonischen Anklängen im Klavier und gehauchten Flageoletts der Violine zusammenmontiert, um eine stimmige Atmosphäre zu schaffen. Die Musik ist von Anfang an bildhaft, lässt vor den Augen und Ohren des Hörers eine Szenerie entstehen, die unter bewusstem Rückgriff auf allerlei bekannte Floskeln breit ausgemalt wird - eine Soap Opera gleichsam, die das Sensationsbedürfnis des Publikums befriedigen möchte. Doch was zunächst so klar wirkt, funktioniert leider nicht ohne Nachdenken: die imaginäre Handlung des zu Musik geronnenen Serienkiller-Dramas scheint unausgesprochen das zu zeigen, wonach es einem Massenpublikum gelüstet: Sensation, Mord, Totschlag. Oder etwa doch nicht? Genüsslich spielt der Komponist mit den Assoziationen der Klänge, deren illustrative Anwendung nur scheinbar eindeutig ist. Schon bald beginnt man zu überlegen, ob sich dahinter nicht auch eine Liebesszene verbergen könnte. Aber das bleibt der Vorstellung des Hörers überlassen. Eichmanns vermeidet geschickt das letzte Wort, macht den Hörer in gleicher Weise zum Voyeur und zum Tatzeugen und setzt ihn damit auf raffinierte Weise einer Doppelbödigkeit aus, die aus der Wahrnehmung und Deutung dieser Musik resultiert. Eines ist sicher: Langeweile kommt bei Dietrich Eichmanns Musik nicht auf. Zuviel passiert hier, was die Aufmerksamkeit des Hörers immer wieder fesselt - eine Tour de Force durch Musikstile und Ausdrucksrichtungen, eine stilistische Spielwiese, die sich dem Zuhörer als Quelle von Assoziationen anbietet. Musikhören wird zum aufregenden Erlebnis - wenn man die entsprechenden Grundlagen mitbringt. Denn je größer das angehäufte musikalische Wissen ist, desto ausgiebiger kann der Hörer mit dem kompositorisch Dargebotenen jonglieren. Eichmanns Werke sind daher im Spannungsfeld verschiedenster Einflüsse angesiedelt; sie verarbeiten in gleichem Maße Elemente aus Free Jazz und improvisierter Musik, wie sie sich etwa von Komponisten wie Morton Feldman oder Luigi Nono anregen lassen; sie inszenieren aber auch mit viel Ironie, Sarkasmus und sicherem Gespür für drastische Wirkungen die Lust am Klischee. Bei alldem entstehen indifferente Mischungen aus divergierenden Bausteinen, die glücklicher Weise niemals oberflächlich werden, sondern sich höchst überzeugend zu einer sehr individuellen und eigenwilligen musikalischen Sprache formieren. Dies kann man hautnah erleben, wenn man die anderen beiden Stücke der CD "hole in the bird" hört, die in der vom Deutschen Musikrat herausgegebenen Reihe "Edition zeitgenössische Musik" beim Label Wergo erschienen und zum überwiegenden Teil in Koproduktion mit Radio Bremen entstanden ist: Da ist zum einen die groovige Einspielung des zweisätzigen Piano Quartet The Late 92 für vier Klaviere (1993), ein Werk, das trotz seines eher mechanischen Aufbaus durch rhythmische Lebendigkeit und klangliche Vielfalt überzeugt. Zum anderen ist da die ausgreifende Vorläufig namenlose Komposition für Flöte und Klavier (1996) mit ihren fein ausgehörten Details, in der Eichmann sein Material quasi improvisierend zu einem spannenden, vierzigminütigen musikalischen Dialog ausspinnt, ohne dabei auf die ironische Brechung der verschiedenen stilistischen Ebenen zu verzichten. Das letzte Wort zu dieser rundherum gelungenen, frischen und interpretatorisch überzeugend dargebotenen Werkauswahl soll einem Zitat aus dem Booklet-Text von Harald Borges überlassen bleiben, das wieder den Bogen zurück zum Beginn dieses Artikels schlägt: "Ironie? Muss zeitgenössische Kunstmusik bierernst sein? Dann hören Sie sich einfach mal den Stinkfinger-Joe an. Dann haben Sie's. So einfach kann Musik wirken. Zumindest auf jene, die des rechten Hörens sind. Auf die anderen übrigens auch." Dietrich Eichmann: "hole in the bird": "Piano Quartet The Late 92" (1993); "Stinkfinger-Joe the Mass Murderer Meets Leather-Lilly in Hong Kong's Morning Twilight" (1994); "Vorläufig namenlose Komposition für Flöte und Klavier" (1996). ensemle ottomani; Takashi Yamane (Klarinette), Werner Dickel (Violine), Yutaka Oya (Klavier), Dietrich Eichmann (Ansager); Gunhild Ott (Flöte), Christoph Grund (Klavier).- Wergo CD WER 6550 2
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