Ein Spiel von Licht und Schatten

"Ich sage ihnen vor gott, als ein ehrlicher Mann, ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und den Nahmen nach kenne: er hat geschmack, und über das die größte Compositionswissenschaft."

Diese berühmten Worte Joseph Haydns aus einem Brief an Leopold Mozart vom 16. Februar 1785 waren eine unmittelbare Reaktion auf die Aufführung jener sechs Streichquartette von Wolfgang Amadeus Mozart, die auf Grund ihrer Widmung an den älteren Meister unter dem Namen "Haydn-Quartette" bekannt geworden sind. Diese Werke, zwischen 1782 und 1785 entstanden, waren die Frucht einer langwierigen und mühevollen Arbeit, die nicht zuletzt eine Auseinandersetzung mit dem Quartettschaffen Haydns zum Ziel hatte.

Haydn, der das Streichquartetts nicht nur quasi "erfunden" hatte, indem er aus dem Divertimento der Frühklassik eine experimentelle und anspruchsvolle Gattung formte, sondern mit seinen Streichquartetten op. 33 auch wesentliche Standards für die kommenden Komponisten-Generationen vorlegte, bleibt in Mozarts Werken zwar der kompositorische Orientierungspunkt; doch zeigt der junge Komponist über die Beherrschung des neuen Quartettstils hinaus auch, dass er durchaus dazu in der Lage war, diese Anregungen auf sehr persönliche Art musikalisch zu vertiefen.

So schuf Mozart mit den "Haydn-Quartetten" einen Meilenstein der Gattungsgeschichte, der durch seine formale Ausgewogenheit ebenso wie durch die musikalische Vielfalt verblüfft und auch heute noch als Herausforderung für jedes Ensemble gilt. Den ersten Teil einer Neueinspielung mit den beiden Streichquartetten G-Dur KV 387 und d-moll KV 421 hat jetzt das Leipziger Streichquartett bei der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm vorgelegt. Mit viel Sinn für den Nuancenreichtum von Mozarts Musik und die formalen Entwicklungen ist hierbei eine atemberaubende Aufnahme entstanden, deren Zugriff aufhorchen lässt.

Die gesamte Interpretation lebt vom eindringlichen Umgang mit dem Klang - einem Kennzeichen, das sich den vielfältigen Erfahrungen verdanken dürfte, die das Leipziger Streichquartett im Umgang mit zeitgenössischer Musik als Mitwirkende im Ensemble Avantgarde gesammelt hat. Es verwundert daher nicht, dass die vier Musiker bei ihrer Mozart-Interpretation sehr großen Wert auf die kontrastreiche Gestaltung von Klangfarben legen. Sie hören in die Strukturen des Komponierten hinein und legen die feinsten Regungen bloß, wodurch nicht nur die spannungsreiche Dramatik der Mozartschen Partituren enthüllt, sondern auch ihre für die damalige Zeit enorm fortschrittliche Tonsprache hervor gehoben wird.

Es macht in der Tat große Freude, diesem ständigen Wechselspiel klanglicher Möglichkeiten hörend beizuwohnen. Ihm verdankt sich etwa der Eindruck, den der Finalsatz von KV 421 - ein Variationssatz, der sich in einzelne musikalische Szenen unterschiedlichster Stimmung gliedert - hinterlässt. Er erscheint wie eine weiträumige Landschaft, die im Spiel von Wolken und Sonnenlicht ständig ihr Aussehen ändert. Ganz anders dagegen der Kopfsatz dieses Quartetts, dessen Kontraste aus unterschwellig brodelnder Dramatik mit klopfenden Begleitfiguren und unvorbereiteten Aufhellungen von den Musikern als nuancenreiche Studie über Licht und Schatten umgesetzt wird.

Großes Lob verdient auch der Umgang mit den virtuosen Momenten der Musik: da sind etwa die perlenden Tonketten im Eröffnungssatz des G-Dur-Quartetts, die mit einer Brillanz und schalkhaften Eleganz daher kommen, wie man sie selten zu hören bekommt, und die gerade dadurch das Gefühl vermitteln, das sie gar nicht anders vorgetragen werden können. Die gleitende Chromatik des anschließenden Menuetts mit ihren widerborstigen, gegen das Metrum gerichteten Akzentuierungen wird niemals forciert, und offenbart gerade durch diesen weichen und unaufdringlichen Vortrag ihre Besonderheit.

Zu den Höhepunkten der Einspielungen gehören schließlich ohne Zweifel die langsamen Sätze beider Kompositionen. So ist das "Andante cantabile" aus KV 387 ein unendlich zart strömender, sich in Verzierungen ergehender Gesang, der sich durch enorme Intensität auf seinen langen Melodiebögen und dem feinen Gespür der Musiker für zarteste dynamische Abstufungen auszeichnet. Die Musik atmet hier eine klangliche Raffinesse, wie sie in anderen Aufnahmen nicht zu hören ist. Die Einspielung gehört daher für mich zweifellos zu den packendsten Mozart-Einspielungen, die in den letzten Jahre aus dem Bereich der Kammermusik auf den Markt kamen. Man darf auf die Fortsetzung dieses Quartett-Zyklus gespannt sein!

Wolfgang Amadeus Mozart: "Haydn-Quartette" Vol. 1: Streichquartett G-Dur KV 387; Streichquartett d-moll KV 421. Leipziger Streichquartett: Andreas Seidel (Violine), Tilman Büning (Violine), Ivo Bauer (Viola), Matthias Moosdorf (Violoncello).- CD MDG 307 1035-2

 

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© 2001 by Stefan Drees