Leidenschaft in stilisierten Bildern

Die Einspielung von Salvatore Sicarrinos zweiaktiger Oper "Luci mie traditrici" (1996-98) durch das Klangforum Wien unter Leitung von Beat Furrer ist bereits die dritte Produktion, die das Wiener Label KAIROS dem Schaffen des eigenwilligen Italieners widmet. Das rund siebzigminütige Bühnenwerk, eine komplexe Studie über die menschlichen Affekte Leidenschaft und Rache, basiert auf der 1664 veröffentlichten Tragödie "Il tradimento per l'onore" des Barockdichters Giacinto Andrea Cicognini, deren Handlung vom Mord des Komponisten Carlo Gesualdo an seiner Frau Maria d'Avalos inspiriert ist.

Die Wahl dieses Stoffes als Grundlage für eine Oper erklärt sich zum einen aus Sciarrinos Vorliebe für die Zeit und Kunst der Spätrenaissance und des Barock, zum anderen aber auch aus der psychologischen Bedingtheit der handelnden Figuren. Beides fließt in der musikalischen und szenischen Gestaltung zusammen: Im Mittelpunkt der einzelnen Szenen stehen weniger bestimmte Handlungssituationen als unterschiedliche Personenkonstellationen und die mit ihnen verbundenen seelischen Vorgänge, die in hochgradig stilisierten, allegorischen und wie eingefroren wirkenden Bildern aneinander gefügt werden.

Das Werk gewinnt seine Ausdruckskraft ganz wesentlich aus der Kraft des Gesangs, die hier einen völlig eigenständigen, hochgradig artifiziellen Vokalstil ausformt und - was für die Darstellung der Komposition auf dem Medium CD prinzipiell von großem Vorteil ist - den Verzicht auf den visuellen Teil der Oper durchaus verschmerzbar macht. Die Gesangsbesetzung ist superb: Annette Stricker (Sopran), Otto Katzameier (Bass), Kai Wessel (Countertenor) und Simon Jaunin (Bariton) realisieren die immens schwierigen, musikalisch anspruchsvollen und beinahe vollständig aus Arabesken bestehenden Parts mit bewundernswerter Bravour und höchstmöglicher Textverständlichkeit; dabei übersetzen sie das manieristische Dialogisieren in einen vielgestaltigen Artikulationsreichtum, in dem sich die beschädigten Gefühlswelten der Protagonisten spiegeln.

Das vielfach nur auf knappe Klanggesten reduzierte Instrumentarium leuchtet diese seelischen Vorgänge durch feine Klanggewebe aus, deren filigranes Geflecht aus flirrenden Geräusch- und Flageolett-Wirbeln von den Musikern des Klangforums mit höchster Intensität und Konzentration vorgetragen wird. Beeindruckend sind auch jene Momente, in denen Sciarrino die Bühnenhandlung in der Musik einer Elegie (1608) von Claude Le Jeune bricht - deren gesungener Text - im Prolog ohne Instrumente vorgetragen - in poetischen Bildern von der Vergänglichkeit der Liebe spricht, und deren Musik im Verlauf der Oper in insgesamt drei Intermezzi aufgegriffen und zunehmend verfremdet wird, bis aus ihr die spannungsreiche Verdichtung der Schlussszene erwächst.

Kein Zweifel: hier ist eine meisterhafte und äußerst packende Aufnahme von "Luci mie traditrici" in höchster Klangqualität entstanden, deren Intensität man sich kaum zu entziehen vermag, die aber auch - insbesondere auf Grund der vielen extrem leisen Klänge - ein sehr aufmerksames Zuhören erfordert.

Salvatore Sciarrino: "Luci mie traditrici" (1996-98). Annette Stricker (Sopran), Otto Katzameier (Bass), Kai Wessel (Countertenor), Simon Jaunin (Bariton). Klangforum Wien. Leitung: Beat Furrer.- CD KAIROS 0012222KAI

 

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© 2001 by Stefan Drees