Leidenschaft in stilisierten Bildern
Die Wahl dieses Stoffes als Grundlage für eine Oper erklärt sich zum einen aus Sciarrinos Vorliebe für die Zeit und Kunst der Spätrenaissance und des Barock, zum anderen aber auch aus der psychologischen Bedingtheit der handelnden Figuren. Beides fließt in der musikalischen und szenischen Gestaltung zusammen: Im Mittelpunkt der einzelnen Szenen stehen weniger bestimmte Handlungssituationen als unterschiedliche Personenkonstellationen und die mit ihnen verbundenen seelischen Vorgänge, die in hochgradig stilisierten, allegorischen und wie eingefroren wirkenden Bildern aneinander gefügt werden. Das Werk gewinnt seine Ausdruckskraft ganz wesentlich aus der Kraft des Gesangs, die hier einen völlig eigenständigen, hochgradig artifiziellen Vokalstil ausformt und - was für die Darstellung der Komposition auf dem Medium CD prinzipiell von großem Vorteil ist - den Verzicht auf den visuellen Teil der Oper durchaus verschmerzbar macht. Die Gesangsbesetzung ist superb: Annette Stricker (Sopran), Otto Katzameier (Bass), Kai Wessel (Countertenor) und Simon Jaunin (Bariton) realisieren die immens schwierigen, musikalisch anspruchsvollen und beinahe vollständig aus Arabesken bestehenden Parts mit bewundernswerter Bravour und höchstmöglicher Textverständlichkeit; dabei übersetzen sie das manieristische Dialogisieren in einen vielgestaltigen Artikulationsreichtum, in dem sich die beschädigten Gefühlswelten der Protagonisten spiegeln.
Kein Zweifel: hier ist eine meisterhafte und äußerst packende Aufnahme von "Luci mie traditrici" in höchster Klangqualität entstanden, deren Intensität man sich kaum zu entziehen vermag, die aber auch - insbesondere auf Grund der vielen extrem leisen Klänge - ein sehr aufmerksames Zuhören erfordert. Salvatore Sciarrino: "Luci mie traditrici" (1996-98). Annette Stricker (Sopran), Otto Katzameier (Bass), Kai Wessel (Countertenor), Simon Jaunin (Bariton). Klangforum Wien. Leitung: Beat Furrer.- CD KAIROS 0012222KAI
Links zum Thema:
|